2022-11-30
Digital Gardening #
Online kursierte vor einiger Zeit unter dem Schlagwort Digital Gardening eine alternative Vision für das Web jenseits des sequentiellen Publizierens à la Twitter, Instagram, Weblog und so weiter: statt fertige, datierte Inhalte online zu stellen und Hot Takes in den Socials zu posten, können wir im Web Wissensammlungen anfertigen. Allgemein oder thematisch, lose oder strukturiert, allein oder kollaborativ — die Möglichkeiten sind zahlreich und es gibt dabei keinen Zwang zur Tagesaktualität und Reichweite.
Die Idee ist genaugenommen keine neue. Solche Inhalte haben früher einen großen Teil des Web ausgemacht. Dann haben Google, Facebook usw. das Web übernommen und daraus eine Einkaufspromenade gemacht. Aber jetzt scheint eine neue Generation die alten Freiheitsgrade wiederzuentdecken. Neben dem ursprünglichen World Wide Web müsste eine Genealogie des Digital Gardening mindestens auch die folgenden Wegsteine enthalten.
Niklas Luhmanns Zettelkasten. Luhmann hat Hypertext handschritlich auf nummerierten Karteikarten so produktiv gemacht wie kein zweiter und auf dieser Basis eine umfassende Theorie der Gesellschaft erarbeitet. Luhmanns Lebenswerk zeigt, dass textvermitteltes Denken effektiv und effizient ist, wenn verfügbare und bewährte Werkzeuge mit Disziplin, Kontinuität und Geschick eingesetzt werden.
ToDo Apps und Note Taking Apps. Evernote, Org Mode, Roam Research, Obsidian, Logseq: beim Einsatz solcher Anwendungen muss man aufpassen: es bedarf einer echten Aufgabe, eines konkreten Ziels oder irgendeiner anderen Substanz, an der sich die ToDos und Notes ausrichten. Sonst bleibt das ganze Note Taking und ToDoing rein mastorbatorisch. Es ist nicht schwer, in diese Falle zu tappen, der Software die Schuld dafür zu geben und gleich die nächste auszuprobieren. So dreht man sich nur im Kreis ohne je sinnstiftende Arbeit zu verrichten.
Digital Humanities. Dagegen sind die Wikis, digitalen Archive und Online-Editionen der Digitial Humanities echte Bemühungen, einen digitalen Bestand an Texten und anderen medialen Artefakten aufzubauen, hypertextuell zu verflechten und für die Wissenschaften produktiv zu machen oder der breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
Engelbarts Dynamic Knowledge Repository. Neben der Computermaus geht auf Douglas Engelbart die Vorstellung zurück, dass der Computer – wenn wir ihn richtig einsetzen – unsere kollektive Intelligenz exponentiell steigern wird. Zentral ist dabei die Idee eines Wissensspeichers, der nicht nur einen statischen Wissensvorrat enthält, sondern durch eine dialoghafte Interaktion zwischen Mensch und Computer zu einem Katalysator für das Denken wird.
Für die meisten von uns wird Digital Gardening bescheidener und persönlicher sein, so auch für mich: wenn ich etwas, lerne, lese, konstruiere, ein Problem bearbeite usw.: dann fertige ich dazu gern Notizen an und versuche, sie so zu verlinken, dass ich sie im passenden Arbeitskontext wiederfinden kann. Die Datenbasis dafür sind Textdateien in einem Git-versionierten Verzeichnis. In diesem Garten gedeihen vielfältige Gewächse: Stichwortlisten, Linksammlungen, Protokolle, HowTos, Zusammenfassungen, Taxonomien, und manchmal auch Texte wie dieser.
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